Tag 59 – Lügner Charakter (Liar Character)

4. August 2012

Ich werde mir in den kommenden Blogs einen Hauptcharakter von mir anschauen – ‚die Lügnerin‘.

Ich aktiviere diesen Charakter in verschiedensten Situationen, wenn ich z.B.  Angst davor habe, einen Fehler einzugestehen, oder wenn ich einen Konflikt scheue, wenn ich andere nicht mit der ‚Wahrheit‘ verletzen will, wenn ich einer Diskussion aus dem Weg gehen will, wenn ich meine Geheimen Begehren ausleben und meine Geheimnisse bewahren will.

Wenn ich mir meiner Karriere als Lügnerin anschaue, sehe ich dass es bereits ins meiner Kindheit angefangen hat, wenn ich meiner Mutter nicht alles erzählt habe, nicht nur weil ich Angst vor der Strafe hatte, auch weil das Lügen mir als der ‚einfachere‘ Weg erschien. Ich brauchte nicht alle mit den Details zu ‚belästigen‘ und ‚unnötige‘ Konflikte auslösen, wo es doch so einfach erschien zu lügen und das zu bekommen oder zu erreichen was ich wollte und wie ich es wollte. Ich glaubte, dass alles prima wäre, solange ich nicht erwischt würde. Ich glaubte, dass Lügen keine Konsequenzen hat, solange niemand merkt, dass ich nicht die ganze Wahrheit sage. Und so sah ich das Lügen mehr als ’nicht die ganze Wahrheit‘ sagen, und redete mir ein, ich würde die anderen beschützen und in ihrem Sinne handeln – aber auch dass ich mich selbst beschützen würde, meine Freiheit um genauer zu sein – meine Freiheit zu sein und zu machen, was ich will, ohne Rücksicht auf andere nehmen zu müssen.

Faszinierend an dem Lügner-Charakter ist, dass je besser ich die Menschen kenne, je näher sie mir stehen, desto mehr belüge ich sie, desto größer sind die Lügen, die ich mit der Zeit angesammelt habe.

Heute sehe ich in voller Klarheit die Konsequenzen meiner angesammelten Lügen – ich habe ein Konstrukt aus Lügen aufgebaut, das zu meinem Leben selbst geworden ist. Mir ist klar geworden, dass ich vorallem mich selbst belogen und getäuscht habe. Ich habe ein Netz aus Lügen aufgebaut ohne es zu merken, dass ich mich selber in diesem Netz gefangen und verfangen habe. Ich habe diesen Charakter soweit perfektioniert und vervollkomnet, dass er heute völlig automatisch abläuft und ich oft lüge, ohne es zu beabsichtigen. Das mag merkwürdig klingen, und doch stehe ich heute manchmal in Gedanken neben mir und frage mich ‚Warum hast du jetzt gelogen? War das wirklich nötig?‘ Es scheint mir manchmal, dass ich keine Macht mehr darüber habe mich als ‚Lügnerin‘ zu stoppen und die Worte völlig selbständig aus meinem Mund kommen.

Und dies ist eine weitere Dimension, die ich in den kommenden Blogs beleuchten werde, wie dieser Automatismus als ‚Lügnerin‘ mich soweit von mir selbst hat entfernen lassen, dass ich überhaupt nicht mehr weiß WER ich bin. Dass ich große Schwierigkeiten habe mir selbst einzugestehen, was wirklich Sache ist, was meine wahren Motive sind. Am Deutlichsten kommt diese Dimension zur Geltung, wenn ich Entscheidungen treffen muss, denn dann manipuliere ich mich selbst und verstecke ‚die Wahrheit‘ vor mir selber. Mir ist heute klar geworden, dass wir tatsächlich das sind was wir in uns zulassen und erlauben, und wenn ich das ‚Lügen‘ in-mir und als-mich zulasse und erlaube, werde ich zur ‚Lüge‘ selbst.

Dieser Charakter ist eine große Selbst-Sabotage und Selbst-Zerstörung im wahrsten Sinne des Wortes – denn, wenn ich mir selbst nicht vertrauen kann, wie kann dann irgend jemand in mich Vertrauen haben? Und wenn mein eigenes Leben eine Verstrickung aus Lügen ist, wie kann ich vor der Gemeinschaft/ der Welt erwarten NICHT auf Lügen zu basieren?

 



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