Tag 262 – Sei kein Arschloch! – Entscheidungs-Paranoia (2)

22. Juli 2013

Bis zur Scheidung meiner Eltern habe ich sehr viel Zeit mit meinem Vater verbracht. Im Nachhinein wurde mein Vater ziemlich oft, als ein ‘Arschloch’ vom Rest der Familie dargestellt. Als Kind verknüpfte ich die Erinnerungen mit meinem Vater, die ich als ‘spaßig’ und ‘unterhaltsam’ und ‘lustig’ erlebt habe, mit jenem Urteil. Mein Vater war für mich jemand, der sich wenig um die Meinung der Anderen scherte. Und so verknüpfte ich Jemanden, der tut, was ihm gefällt, und einfach ‘zwanglos’ ist, und sich wenig um den ‘Ruf’ schert als ein ‘Arschloch’.

Und so began der Konflikt, den ich von nun an in-mir und als-mich austrug. Die Entscheidung ‘Wer bin ich’ — Passe ich mich der Meinung/Sicht der Anderen an, oder bin ich ein ‘Arschloch’ und tue, was mir gefällt? Je älter ich wurde, desto mehr ‘verfeinerte’ ich meine Techniken: Durch Verstellung und Selbst-Manipulation bzw. Manipulation der Anderen, glaubte ich beides haben zu können — meine Wünsche und Begehren ausleben, und trotzdem noch als ‘Kein Arschloch’ zu gelten. Doch all das was ich ausgelebt habe, kann man auch in einem Satz zusammen fassen: Ich produzierte ein Lügengerüst. Und am Ende eines jeden Weges, fand ich mich vor jenem Selbst-Urteil wieder, das ich doch so sehr vermeiden wollte: Ich wurde zu einem ‘Verlogenem Arschloch’. Meine Selbst-Kompromittierung wurde irgendwann mal ‘unerträglich’, und so beschloss ich in vielen Situationen, die Blase platzen zu lassen und mein ‘Wahres Ich’ aufzudecken, mein ‘Arschloch-Dasein’ zu offenbaren. Dies manifestierte sich zum Beispiel in allen meinen Beziehungs-Trennungen. Das Muster war immer das gleiche: Ich konnte die Spannung meines ‘Doppellebens’ nicht mehr aufrechterhalten, wollte ‘frei sein’.

Also, ich sehe, erkenne und verstehe, dass es in meinem Prozess nicht darum geht, aufzuhören ein ‘böses Arschloch’ und anzufangen ein ‘guter Mensch’ zu sein — Einfach die Polarität auszuleben, würde bedeuten, dass ich im Grunde nichts neues beginne, sondern aus dem ‘Versagen’ heraus, einen neuen ‘Charakter’ als ein Gegenpol zum ‘alten’ kreiere und mich vom ‘Negativen’ ins ‘Positive’ bewege, doch alles ‘Positive’ würde immer nur aus dem ‘Negativen’ entwachsen und es gewissermaßen als Fundament sogar benötigen. Und dies alles habe ich doch bereits versucht, ich habe ja versucht ‘kein Arschloch’ zu sein. Um wahrhaft einen Neuanfang für mich zu schaffen, muss ich an die Definitionen ran — an die Definitionen von ‘Arschloch’ und ‘Guter Mensch’ — die ich im-mir und als-mich Selbst akzeptiert und erlaubt habe. Ich muss diese Definitionen auf eine Weise so neu ausrichten, dass ich sie in Einheit und Gleichheit als mich Selbst ausdrücken kann, ohne dass ich mich verstelle, ohne dass ich mich selbst kompromittiere, ohne dass ich ein Lügengerüst aufbaue und ich trotzdem in jeder Situation, in jeder Interaktion mit einem anderen Menschen, praktisch in jeder Beziehung immer stabil bin und genau weiss ‘Wer ich bin’ und dies KEINE ‘Option’ ist — kein ‘Charakter’, den ich manipulieren und anpassen kann — Es muss eine ENTSCHEIDUNG sein: ‘Wer ich bin’, was ich in jedem Atemzug als mich Selbst und in mir Selbst akzeptiere und erlaube. Denn nur so kann ich den Teufelskreislauf für mich und als mich stoppen und Konsequenzen vorbeugen, wo mein Leben immer wieder in ein ‘Disaster’ zusteuert, wo alle ‘Lügen’ auffliegen und ich meine Entscheidungen, meine ‘Wahl’ bereue.



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