Tag 210 – ‚Fehler‘-Ich-Charakter (8) Ich kann mich nicht ausdrücken – Erinnerungen (1)

6. April 2013

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Ich habe zwei Erinnerungen aus meiner Kindheit, die ziemlich traumatisch waren. Einmal musste ich als 6-jährige in der Kirche einen Text vortragen und ca. 1 Jahr später mit 7, als ich eingeschult wurde, sollten wir in unserer ersten Musikstunde unsere Namen vorsingen.

Das Erlebnis in der Kirche war ein echtes Trauma. Ich bekam eine Seite Text und sollte ihn bei einem Festgottesdienst vortragen. Ich hatte Spaß beim Auswendig lernen, es fiel mir leicht. Was mich aber in der Kirche erwarten würde, davon hatte ich keine Vorstellungen. Als ich am Altar vor das Mikrofon gestellt wurde und anfing den Text vorzutragen, hatte ich diesen Moment der totalen Spaltung, ich hatte Gedanken – Ängste – dass ich vielleicht einen Fehler machen könnte, dass ich mich vor der versammelten Gemeinschaft – praktisch vor allen Leuten die meine damalige Realität ausgemacht haben – ich lebte in einer Kleinstadt – blamieren könnte, dass ich den Text vergessen könnte, und da dachte ich auch ‚oh nein, ich habe den Text vergessen, ich kann mich an gar nichts mehr erinnern!‘ Angst überflutete mich — und dann merkte ich, dass ich ganz von ‚alleine‘ spreche, ich wurde mir darüber bewußt, dass sich mein Mund bewegt und ich sehr wohl dabei bin, diesen Text vorzutragen — und es war wie ein WOW! Was passiert hier eigentlich??? Einerseits trägt mein ‚Körper‘ diesen Text fehlerfrei vor, andereseits ‚denke‘ ich in meinem Kopf nach – wie zwei separierte Wesen, völlig getrennt. Als ich fertig war – und daran kann ich mich nicht mehr erinnern, das hat mir Jahre später eine Nachbarin erzählt – bin ich anstatt zurück in die Sitzbank nach Hause gelaufen, habe mich auf den Bürgersteig vor der Haustür hingesetzt und geweint. Ich habe damals mit niemandem darüber gesprochen, was ich erlebt habe. Ich habe es als eine Kouriosität abgespreichert – ein Erinnerung – die ich mir im Detail nicht erklären konnte. Was ist da eigentlich passiert? Was ist da in mir vorgenagen? Und welche Auswirkungen hatte das Erlebnis und die Erinnerung auf mein späteres Leben?

Ich habe nie wieder eine ähnliche Erfahrung gemacht, damit meine ich diese Spaltung und doch wurde ich immer extrem Nervös, wenn ich etwas vor anderen vortragen sollte. Referate in der Schule bzw. Studium waren Purer Horror. Ich würde auch nie zb. einen Witz erzählen können, wenn mehr als eine Person zugegen sein würde. Überhaupt würde ich mich plötzlich ändern, wenn ich merkte, dass mir jemand echt zuhört. Je ‚weniger gut‘ ich jemaden kannte, desto schlimmer die Nervosität, Angst und das Gefühl der toatalen ‚Verklemmung‘.

So, wie ca. ein Jahr später als ich in meiner ersten Musikstunde meinen Namen vorsingen sollte. Ich habe einen Stift zu Boden fallen lassen und mich unter dem Tisch versteckt als ich an die Reihe kommen sollte – ich hatte die leise Hoffnung, dass mich der Lehrer übersehen würde. Dann rief mich der Lehrer trotzdem auf und ich blamierte mich doppelt, einmal weil es rauskam, dass ich mich verstecken wollte und ich mußte doch meinen Namen vorsingen. Ich dachte ich müßte sterben.

Diese beiden Erinnerungen stehen aber im krassen Kontrast zu anderen Erinnerungen aus meiner frühsten Kindheit. Ich hatte als Kleinkind ‚Kommunikation‚ immer genossen. Sprache war für mich eine tolle Sache. Ich habe mich gerne unterhalten und kommuniziert. Ich mochte es sehr mich mit Erwachsenen zu unterhalten. Mein erster Berufswusch war Anwältin. Offensichtlich wurde mir das von Erwachsenen eingeredet, weil ich so redseelig und gewissermaßen nicht zu stoppen war.

Die Frage ist, wo ist dieses redseelige ‚unschuldige‘ Wesen geblieben? Was ist mit mir passiert? Ich werde in kommenden Blogs auf diese Frage näher eingehen und mir die Erinnerungen Selbst vergeben…



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