Tag 198 – Fingernägelkauen (19) Gedankenloser Automatismus

15. März 2013

 

by Renee Robinson

Ich habe als ich diese Blog-Reihe über das Fingernägelkauen gestartet habe, nicht gedacht, wie tief mich dieser Punkt führen wird. Es scheint mir heute, als ob das Fingernägelkauen-Muster alle Dimensionen meiner Selbst beinhaltet. Die Handlungen, die Verhaltensmuster, meine ‚individuellen‘ Wege das Leben zu bestreiten – hinter all dem steckt EIN Muster, das ich immer wieder wiederhole. Und hinter diesem Muster verbirgt sich meine ART / mein WESEN – die Art wie ich das Leben/mich Selbst definiert habe, wie ich mich Selbst im Leben positioniert habe, mein ‚Verständnis‘ vom Leben und von mir Selbst – und wenn ich noch einen Schritt weiter gehe, sehe ich, dass es IMMER nur ‚ICH‘ selbst bin, der ich begegne.

Ich entdecke, dass ich aber gar NICHT gelebt habe, wenn ich meine Lebensweise ‚aufdecke‘ und zb. über das Fingernägelkauen schreibe, merke ich wie viel von dem was tatsächlich IN MIR passiert, völlig ‚unbewußt‘ abläuft. Warum kaue ich eigentlich an meinen Fingernägeln? Wie absurd ist das denn!!? Ich weiß gar nicht, warum ich Nägelkaue! Ich habe mit dem Schreiben ein Gewahrsein in Bezug auf das Nägelkauen etabliert, das ich so vorher nicht hatte. Das Schreiben macht ‚fest‘ – bringt es schwarz auf weiss – womit ich mich so tagsüber beschäftige. So viel von dem was ich tagsüber mache, verschwindet in den Tiefen des Unbewußten und Vergessenen. Wenn ich mir am Abend oder am Tag die Zeit nehme um mich in die Freiheit zu schreiben, mache ich den ersten Schritt zur Selbst-Realisation, ich breite MICH SELBST aus und schaue mir an was so IN MIR vorgeht. Und es ist schockierend wie wenig davon in Gewahrsein passiert! Wenn ich mich dabei ‚erwische‘, dass ich meine Finger zum Mund führe, kann ich gar nicht sagen, WARUM ich das eigentlich tue. KEINE AHNUNG. ‚Ich machs einfach, so habe ich das schon immer gemacht.‘

Viele fragen nach dem Leben nach dem Tod, aber niemand fragt nach dem Leben vor dem Tod. Wir haben diesen völligen Automatismus akzeptiert und glauben, dass es LEBEN ist, auch wenn wir heute nicht mehr genau sagen können, was wir vor einer Woche gemacht haben, geschweige denn vor einem Jahr oder vor 10 Jahren. Wir akzeptieren es, dass ‚Erinnerungen‘ verschwimmen, ohne einen Schritt weiter zu gehen und zu sehen, dass wir genau so verschwimmen.

Dass jemand in absolutem Gewahrsein HIER IMMER LEBEN kann, scheint uns völlig UNMÖGLICH – geradezu unmenschlich. Hat sich jemals ein Wissenschaftler mit diesem Feld beschäftigt, warum der Mensch vergißt und wie dieser ‚Fehler‘ korrigiert werden kann? Dichter haben geschrieben, dass Vergesslichkeit ein Segen ist. Weil man sich das ‚Leid‘ und all die ‚Negativen‘ Sachen nicht merken muss und so tun kann, als ob alles in Ordnung wäre. Haben wir uns jemals gefragt, was genau ‚Bewußtsein‘ ist, wenn das Meiste das wir ‚erleben‘ völlig ‚unbewußt‘ passiert und das was wir ‚bewußt‘ erleben die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs ist? Und warum hat der Mensch KEIN Gewahrsein über seine doch ziemlich kurze Existenz?

Mit der Änderung meiner Selbst als ein ‚Nägelkauer‘ habe ich also beschlossen, nicht nur eine ‚kleine‘ Gewohnheit zu ändern, sondern wage mich vor, die Grenzen des Menschseins zu erkunden. Ist es möglich sich zu ändern? Ist es möglich völliges Gewahrsein seiner Selbst zu erlangen? Ist es möglich das beschränkte ‚Bewußtsein‘ zu überwinden? Ist LEBEN vor dem Tod möglich?



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